Hochwilde (3480 m) - Herbsttour in den Ötztaler Alpen
Anspruchsvoller Anstieg von der Stettiner Hütte (2875 m)
Länge: 11.02231° O
Ab Hütte gekennzeichneter Steig zur Hochwilde (weitere 2 Stunden).
14.09.2013 Über die Stettiner Hütte zur Hochwilde (3480 m)
Mit den Bergfreunden Monika, Esther und Heiko fahre ich am frühen Morgen über die Inntalautobahn Richtung Brenner. Nach einem Schlechtwettereinbruch, der den schönen Sommer 2013 abrupt beendet hat, sind die Tiroler Berge ab etwa 2500 m Höhe mit Schnee gepudert. Hoffentlich ist die Situation südlich des Alpenhauptkamms besser, denn wir wollen noch einmal auf einen höheren Berg aufsteigen.
Nach dem Brenner biegen wir in Sterzing Richtung Jaufenpass ab und erreichen nach knapp 3 Stunden Anfahrt den kleinen Südtiroler Ort Pfelders, wo unsere Tour beginnen soll. Am Ortseingang stellen wir den Wagen ab und beginnen unseren Weg zur Stettiner Hütte:
Gemütlich durchqueren wir in wenigen Minuten den Ortskern von Pfelders und treffen dann auf den Weg Nr. 24, der uns in etwa 4 Stunden Gehzeit zur Stettiner Hütte führen soll. Zuerst geht es in kaum merklicher Steigung weiter in das Tal hinein. Nach etwa 45 Minuten erreichen wir die am innersten Talboden liegende Lazins-Alm (1882 m), in der wir uns mit einem Kaffee für den weiteren Aufstieg stärken.
Nach etwa 20 Minuten beginnen wir den steilen Teil der Tour. Überraschend breit ausgebaut führt der Weg in steil ausgebauten Serpentinen unterhalb des Labkofels in Richtung Eisjöchl. Tatsächlich handelt es sich bei unserem Weg um eine vor dem 1. Weltkrieg angelegte Militärstraße, welche zur besseren Versorgung von Truppenteilen früher sogar kraftfahrtauglich war. Die mittlerweile sehr holprig gewordene Weganlage ist heute ein Eldorado für Mountainbiker und Wanderer. Wir profitieren auf dem Weg von der gleichmäßig moderaten Steigung, welche dafür aber eine relativ lange Streckenlänge mit sich bringt.
Ohne besondere Ereignisse gewinnen wir an Höhe. Das Wetter ist mit etwa ⅜-Bewölkung gut und südlich des Alpenhauptkamms ist der Neuschnee deutlich weniger als im Norden. Eine kurze Pause legen wir auf etwa 2600 m Höhe ein, die Stettiner Hütte ist bereits über uns auf den südlichen Ausläufern der Hochwilde sichtbar. Gegen 13:40 Uhr treffen Monika und ich wenige Minuten nach Ester und Heiko ein, die bereits unsere zugewiesenen Zimmerlager belegt haben.
Bei einer Apfelschorle besprechen wir das weitere Vorgehen. Heiko bringt schlechte Neuigkeiten vom Hüttenwirt: Dieser sagt für Sonntag Vormittag schlechtes Wetter und bereits ab 08:00 Uhr Regen voraus, denkbar schlechte Bedingungen für unseren geplanten Aufstieg zur Hochwilde. Trotz der bereits überwundenen 1200 Höhenmeter entscheiden wir uns nach wenigen Minuten dafür, das noch gute Wetter zu nutzen und sofort aufzusteigen. Monika entschliesst sich dagegen zu einem kleinen Ausflug zum nahe gelegenen Eisjöchl (2895 m), welches wenige Minuten westlich der Hütte liegt und einen schönen Blick in Richtung Pfossental bietet.
Mit etwas erleichtertem Rucksack - das "Hüttenequipment" kommt raus - gehen wir dann um 15:20 Uhr die
Hochwilde an:
Direkt an der Hütte beginnt der markierte Steig, der anfangs in felsigen Serpentinen nach Norden und rechts
an einem kleinen Gletschersee vorbei führt. Direkt danach wird es steiler. In engen Serpentinen führt die
Pfadspur eine Felsrippe hoch, manchmal werden Felsrinnen in der Südostflanke der Hochwilde auf
weichem Schotteruntergrund gequert. Ab etwa 3000 m Höhe liegt in schattigen Bereichen eine rutschig-matschige
Neuschneeauflage auf den Felsen. Hier ist Konzentration gefragt. Einige felsige Abschnitte sind
klettersteigähnlich mit Stahlbügeln und kurzen mitlaufenden Stahlseilabschnitten versichert. Trotz der
mittlerweile eingetretenen Kurzatmigkeit haben wir eine ordentliche Steiggeschwindigkeit angeschlagen.
Der Gipfel kommt näher. Nochmals steigen wir eine steile drahtseilversicherte Rinne empor, die danach
folgende Steigspur führt auf einen deutlich sichtbaren Steinmann zu. Dann ist das Gipfelkreuz sichtbar:
Ein schmaler, mit Neuschnee bedeckter Grat führt über einen Felsbuckel und nach weiteren 15 Metern auf die
eigentliche Gipfelkuppe. Nochmals Konzentration und Vorsicht, dann haben wir 95 Minuten nach Aufbruch von der
Hütte den Gipfel erreicht. Ein in Südtirol lebender Oberbayer begrüßt uns hier mit einer Runde
Weingummi.
Während im Süden die Dolomiten noch unter einem wolkenlosen Himmel leuchten, bietet sich im Norden ein interessantes Wechselspiel aus Wolken, Sonne, Berge und Gletscherflächen. Im Süden leuchten die hellen Marmorberge Hohe Weisse (3278 m) und Lodner (3228 m). Nach Norden fließt der Längentaler Ferner ins Tal. Im Norwesten ist die Eisfläche des Großen Gurgler Ferners sichtbar. Die für Morgen angekündigte Schlechtwetterfront macht sich bereits mit kalten Windböen bemerkbar, umgehend ziehen wir Tourenanorak und Handschuhe an.
Da es auf der Stettiner Hütte eine fixe Zeit für das Abendessen gibt, bleiben wir nur etwa 15 Minuten auf dem Gipfel. Danach steigen wir vorsichtig über den schmalen Gipfelgrat zum südlichen Steinmann rüber. Der folgende Abstieg geht dann doch einfacher als befürchtet. Die wenigen Kletterpassagen sind dank der Stahlseilsicherungen auch im Abstieg zumeist schnell und routiniert zu begehen. Die wenigen Passagen mit Schneeauflage sind zumeist auf griffigem Schotteruntergrund und nicht auf glatten Felspassagen. Genau 3 Stunden nach unserem Abmarsch an der Hütte treffen wir wieder auf der Terasse ein, ein zwar ungeplant anstrengender aber lohnender Tourentag geht zu Ende. Nach dem Einrichten des Nachtlagers freuen wir uns auf die gute Abendverpflegung in der schönen Gaststube der Stettiner Hütte.
15.09.2013 Abstieg und Heimfahrt
Am frühen Morgen liegt die Hütte in dichtem Nebel. Nur Heiko sucht nochmal Fernsicht: Seit 5 Uhr früh steigt er im Schein der Stirnlampe Richtung Hohe Weisse (3278 m) auf. Wir anderen sitzen gerade in der Gaststube beim Frühstück, als er um 07:00 Uhr mittels SMS mitteilt, dass er bereits wieder im Abstieg ist. Gegen 08:00 Uhr erscheint er ebenfalls zum Frühstück, tatsächlich war er am Gipfel knapp über den Wolken. Allerdings war die Wegfindung am Grat des Vorgipfels in der Dunkelheit nicht gerade einfach.
Gegen 09:00 Uhr verlassen wir die Hütte und beginnen unseren Abstieg im Nebel. Die alte Militärstraße erleichtert unser Fortkommen, so daß wir bereits nach 90 Minuten an der Lazins Alm für eine heiße Schokolade einkehren. Mittlerweile unter den Wolken erreichen wir gegen 12:00 Uhr kurz vor dem Einsetzen eines ersten Regenschauers das Auto auf dem Großparkplatz in Pfelders. Die anschliessende Heimfahrt wird ein wenig durch sommerlichen Rückreiseverkehr verzögert.
Eventuell kurzes Seil zur Sicherung von Ungeübten am Gipfelgrat
Der beschriebene Aufstieg auf die Hochwilde ist ein teilweise klettersteigähnlich ausgebauter, steiler Bergpfad. Stahlseilsicherungen sind nicht durchgehend, sondern nur in kurzen Passagen vorhanden.
Ausreichende Bergerfahrung und Trittsicherheit ist für die Begehung dieser Route dringend anzuraten!
051 / Naturns - Latsch
ISBN 3-87051-540-6
GPS-Trackansicht mit Google® Maps
Letzte Aktualisierung am 11.01.2023 18:48:53 Uhr
© J. Marretsch 2004 - 2024